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Of Life & Death…

Es ist eine dieser frostigen Nächte, in denen sich die Wachen am Tor den Mantel enger um den Körper ziehen und jeder froh ist, nicht draußen zu sein, wo der eisige Wind jeden Funken Wärme vertreibt.


Normalerweise ist das große Burgtor zu diesen Zeiten verschlossen, denn man erwartet niemanden. Keiner verirrt sich hierher und Gäste gibt es nicht. In diesem Winter ist aber alles anders und das Tor ist mit zwei Wachposten besetzt. Schemenhaft nähert sich wieder eine Gruppe aus dem Wald. Es werden weitere Gäste sein, die der Beisetzung des Herzogs von Equinox in der Kammer der großen Seelen beiwohnen wollen. Ein besonderes Ereignis, denn dann wird ebenso verkündet, wer seine Nachfolge antreten wird und wer seine Besitztümer und Ländereien erbt. Die große Familie des Herzogs ist jedenfalls schon eingetroffen, von der viele sagen, ihre Mitglieder seien verkorkst, verschroben und raffgierig. Offensichtlich erhofft sich jeder noch etwas abzubekommen von dem, was verteilt wird.


Aber auch andere Persönlichkeiten, Berühmtheiten und angesehene Helden werden erwartet, eine bunte und exklusive Mischung. Die Wachen werden jedenfalls auch in den kommenden Stunden alle Hände voll zu tun haben. Das wird sie vielleicht davon ablenken, dass der Wind immer eisiger wird und hin und wieder eine Schneeflocke über den Burghof tanzt und vom hereinbrechenden Winter kündet.  

„Die Kammer der großen Seelen wird geöffnet werden,“ sagt eine rauchige, fahle Stimme in der Dunkelheit. „Das wird die Möglichkeit sein, auf die ihr alle gewartet habt.“ Eine feuchte Kühle liegt in der Luft und es herrscht absolute Dunkelheit. Es ist eine magisch erzeugte Finsternis. Wir befinden uns in einem Kellergewölbe unter einem Gasthaus in Anrea. Der Ort ist bewusst gewählt, damit sich die Anwesenden nicht gegenseitig erkennen können. Für alle ist diese Information von größter Bedeutung, denn sie müssen sofort Vorbereitungen treffen. Sie alle kennen die Bedeutung der Kammer. Sie alle haben die alten Schriften studiert, versuchen seit Jahren die Geheimnisse der Grabkammer zu enträtseln. Es geht um Macht. Und um Reichtum.


Die Stimme fährt fort: „Es wird in genau dreißig Tagen geschehen, kurz nachdem der Herzog von Equinox gestorben ist.“ Sofort macht sich Unruhe breit. Eine nervöse Anspannung ist zu greifen, selbst durch die Dunkelheit hindurch können wir sie spüren. An den Seiten werden nun Türen geöffnet, durch die die Anwesenden den Raum wieder hastig verlassen können. Nach einigen Augenblicken herrscht wieder Stille und nur das leise Tropfen des Wassers an den Wänden ist zu hören.

„Papa, Papa, lass mich nach vorne!“ ruft das kleine Mädchen und schubst von hinten gegen die Beine ihres Vaters. Überall herum ragen die Beine der Erwachsenen wie ein undurchdringlicher Wald auf und versperren jegliche Sicht. „Schschschschsch…“ mahnt der Vater und dreht sich um. „Willst du wohl ruhig sein.“ Dann streckt er die Hände zu seiner Tochter aus und hebt sie mit einem Ruck empor.

Die Welt tut sich auf und die Szenerie offenbart sich für das kleine Mädchen, während ihr Vater sie auf seine Schultern hebt. Überall stehen Menschen, so weit das Auge reicht. Dicht gedrängt und dennoch völlig regungslos. Die meisten haben den Kopf gesenkt, manche blicken erwartungsvoll zur Straße hin, in ihren Händen einige kärgliche Blumen des frühen Winters. Dann ist das Geklapper von Hufen zu hören und um die Ecke biegt eine Pferdegespann, das einen schwarzen Gegenstand auf einem Wagen zieht. Der Atem der Pferde dampft in der kalten Morgenluft dieses Wintertages. Weiße Lilien schmücken im Kontrast die schwarze Holzkiste, ihre Farbe passend zum Raureif, der die Hänge und Wiesen während der Nacht milchig überzogen hat. „Was ist da drin, Papa?“ ruft das Mädchen aufgeregt und der Vater erntet von den Umstehenden verständnislose Blicke. Er wendet sich zu seiner Tochter. „Ich habe dir doch gesagt, du musst still sein“, herrscht er sie an. Dann fährt er milder fort: „Das ist unser Herzog, weißt du. Er ist gestern gestorben.“ Er flüstert jetzt und seine Tochter flüstert ebenso, ganz so als würden sie ein Geheimnis miteinander teilen. „Er liegt da drin…?“ fragt die Tochter mit weit aufgerissenen Augen. Der Sarg ist jetzt ganz nahe bei ihnen und die meisten der Umstehenden haben ihre Mützen und Kappen abgezogen und den Kopf tief gesenkt. Hier und da hört man sogar ein leises Schluchzen. Der Sarg wirkt glatt und kalt wie ein schwarzer Kiesel.

Das Mädchen stellt sich vor, wie der Tote aussehen mag, bleich und regungslos, umgeben von Dunkelheit und Enge. Ihm schaudert.

„Wohin fahren sie denn damit?“ flüstert die Tochter in das Ohr ihres Vaters. Er wendet ihr den Kopf zu und sagt „Unser Herzog war ein besonderer Mann, weißt du. Ihm wird eine hohe Ehre zuteil. Er wird in der Kammer der großen Seelen beigesetzt.“ Das Mädchen runzelt die Stirn. „Oh, ist das weit weg? Können wir da auch hingehen…?“. Doch der Vater schüttelt nur den Kopf und lächelt milde. „Nein, mein Kind, da dürfen nur die hohen Herren und Damen hin und die Familie natürlich. Und angesehene, berühmte Menschen und die, die große Taten vollbracht haben. Helden, die in den Liedern der Barden vorkommen. Wir einfachen Leute haben dazu keinen Zutritt und sind auch nicht eingeladen.“

Seine Tochter wirkt enttäuscht, während sich das Hufgeklapper entfernt und das Gespann um eine Ecke biegt. Ganz langsam beginnt sich die Menge wieder zu regen, Getuschel ist zu hören, fast so als würden alle aus einem stillen Schlaf erwachen. „Wohin gehen wir alle, wenn wir sterben?“ fragt das Mädchen plötzlich und blickt seinen Vater mit wachen Augen an.  Der Vater stutzt, dann sagt er: „Unsere Seelen kehren wieder an den Ort zurück, von dem wir gekommen sind.“ Die Antwort scheint seiner Tochter nicht auszureichen. „Aber ich weiß gar nicht mehr, woher ich gekommen bin,“ antwortet sie. Ein Lächeln breitet sich auf dem Gesicht ihres Vaters aus. Dann streichelt er ihr über den Kopf und bahnt sich seinen Weg durch die Menge, während sein Kind noch immer auf seinen Schultern sitzt. „Das weiß ich auch nicht mehr, mein Kind…“ murmelt er vor sich her. „Das weiß ich auch nicht mehr…“

 

 


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